Die Kunst – ein ernstes Spiel

Die Kunst mag ein Spiel sein, aber sie ist ein ernstes Spiel. Dieser Aphorismus Caspar Davıd Friedrichs kann wie ein Motto über dem Werk Manfred Dorners stehen. Außerhalb der Vernünftigkeit des praktischen Lebens, jenseits des Bereichs von Nutzen und Notdurft etabliert das Herstellen von Kunstwerken eine bestimmte Qualität des Handelns aus eigenem Recht. Manfred Dorners  Weg zum Künstlertum weist auf diesen Zusammenhang hin.

Nach einer Lehre als Kunstschlosser und einer zweiten als Zahntechniker bricht er in den siebziger Jahren getragen vom Aufbruchsgeist der Zeit, aus den Zwängen des
Berufslebens aus. jene Notwendigkeiten hinter sich lassend, die die Motorik der Handarbeit einer instrumentalen Bestimmung unterwerfen. Kunst machen bedeutet für Manfred Dörner von Anfang an das Risiko, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

ln Zukunft möchte er seine Fingerfertigkeit nicht länger in den Dienst einer von außen vorgegebenen Pflicht nehmen lassen. Er will sie vielmehr dazu nutzen, seiner Kreativität und Phantasie zum Ausdruck zu verhelfen. Wie das Spiel, so tritt auch die Kunst
als eine Form der Aktivität, als sinnvolle Form und als soziale Aktivität auf. Künstler zu sein bedeutet damit jeden Tag aufs Neue den so entschlossen wie staunend unternommenen Versuch, ein anderes Leben zu führen. Bedeutet, eine Sphäre zu schaffen, in der der Künstler sich selbst die Regeln ausdenkt, nach denen ihre Gestaltung vonstatten geht. Bedeutet Spielen bei vollem Einsatz der Existenz.
Auch der Künstler hat seinen AlltagUm was es dabei geht? Um Emotion, um Empfindung, um Sensibilität. Um jene Spannung psychischer Energien, die der Motor allen menschlichen Tuns sind und deren Kräfte im
Widerstand des Alltags sich immerzu erschöpfen. Und die ohne ihr Alltäglichwerden  nicht jene Stetigkeit erlangen können, die sie benötigen, um sich immer wieder zu regenerieren. Auch der Künstler hat seinen Alltag. Und er hat sein Material. Begonnen hat Dörner als Metallbildhauer. Mit Assemblagen von T-Trägern und Blechen reüssierte er bei Galerien und Sammlern.
Der Wechsel des Mediums von der Stahlskulptur zur Malerei, wie ihn Dörner Anfang der neunziger Jahre konsequent vornahm und der mit seinem Wechsel von Freiburg nach Berlin zusammenfiel, mag Enttäuschung bei jenen ausgelöst haben, die sich auf eine
bewährte und eingeführte Bildhauermarke verlassen wollten. Doch die unbedingte Haltung Dörners schließt eine solche Festlegung aus. Der grundlegende Ansatz des suchenden Experiments, die Konzeption der Kunst als Selbstausdruck des
Künstlers, lässt keine Bindung an ein künstlerisches Medium, keine exklusive Verpflichtung auf ein Material zu. Es spricht für die Regenerationsfähigkeit der ästhetischen Energien Dörners, sich Farbe und Leinwand als künstlerisches Material völlig neu erobert zu haben.
Für ihn zählt nicht allein die eigentliche Arbeit am Bild, vielmehr stellt sich der Produktionsprozess als ein Ganzes dar, als die spielerische Suche und Auswahl von Materialien, als die Aktivität ihrer Gestaltung, als das Wirkenlassen des Entstandenen bis hin zum Arrangement der Präsentation oder dem des Verkaufs. Jeder Tag ist ein Neubeginn, jeder Tag beginnt mit einer Suche. War
Dörner in früheren Jahren auf der Suche nach Metallteilen auf Schrottplätzen, so ist er heute auf der Suche nach Leinwänden und Farbtöpfen in Baumärkten und Läden für Künstler- und Zeichenbedarf . lm Streifzug durch solche Magazine, den er jeden
Tag aufs Neue ohne jeden festen Vorsatz unternimmt, inszeniert er den Kauf von Materialien als intuitive Begegnung. Zurück im Atelier legt er die erworbene Leinwand auf den Boden und beginnt ohne viel Federlesens, sie mit Farbe zu bestreichen. Dabei
trägt er die Öllackfarbe mit der Rolle in mehreren Schichten übereinander auf. Die Streifenform dieses Auftrags in Bahnen nutzt er zugleich als ein wesentliches Gliederungselement der Bildfläche. Ein anderes Gliederungselement sind rechteckige
Felder, die er oftmals durch das Abziehen der Ölfarbe mit Zeitungsblättern erlangt. Das Zeitungspapier wird dazu auf die noch frische Farbe gelegt und wieder fortgenommen. Das betreffende Farbfeld ist nun durch eine Binnenzeichnung strukturiert, die sich zum einen durch die Knitter und Faltungen der Zeitungsseiten ergibt, zum andern durch tonale Abstufungen als Resultat der vom angedrückten Papier unterschiedlich aufgenommenen Farbmengen.

lm Übereinanderlegen der Farbschichten und im Überstreichen der verschiedenen Farbbahnen und -felder ergibt sich so eine spannungsvolle farbliche Textur. Interessant ist dabei, dass Dörner seine Gemälde ganz konsequent aus der Zweidimensionalität
der Fläche erarbeitet. Dies sowohl im Hinblick auf die Bild- und Farbräumlichkeit als auch im Hinblick auf die Gestaltung der konkreten Bildoberfläche. Wie die monochrome Abstraktion sich jede Zeichenhaftigkeit versagt und Räumlichkeit nur aus dem
Übereinanderlegen der Farbschichten und den Raumqualitäten der Farbe selbst gewinnt, so wird die Bildoberfläche nicht durch Fraktur, stehengelassene Farbpaste oder die Aufbringungen anderer Materialien zu einem Relief dimensioniert. Wenn einzelne Bildoberflächen so etwas wie die Eigenart einer Patina aufweisen, so ist diese doch mehr eine gemalte, als eine durch Materialmanipulatíon Simulierte. Und haben auch einzelne Farbschlieren erhabenen Charakter, so sind die Oberflächen von Dörners Bildern letztlich abgeschlossene, glatte Flächen, oftmals nochdurch einen Klarlacküberzug versiegelt. Was das heißt? Die Oberfläche des Bildes möchte zuallererst eine Gemalte sein, der Maler zielt auf Bildwirkung, auf die malerische Organisation der bildlichen Repräsentation von Farbe. Das Resultat sind Bilder, die ganz auf den Eigenwert ihrer Farben, den Glanz der Lacke, die Intensität der malerischen Verdichtung setzen.
Intuition und Zufall
Doch man täusche sich nicht. Dörner arbeitet in keiner Weise derakribischen Perfektion eines ästhetischen Kalküls zu. Im Gegenteil. Die Erscheinung seiner Bilder verdankt sich vielmehr einem offenen Werkprozess der Intuition und Zufall in den Mittelpunkt stellt. Dazu kommt, dass er ganz aus der energetischen Bewegung des Körpers konzipiert ist. Schaffen bedeutet für Dörner ganz buchstäblich körperliche Arbeit, Bewegung. Sein
Atelier ist ungeheizt. Nur die Aktivität des sich darin bewegenden Künstlers erwärmt es. In der Nachfolge Jackson Pollocks umkreist Dörner seine am Boden liegenden Leinwände. Unruhig wie er ist, traktiert er sie mit Farbe, unternimmt plötzliche Ausfälle mit der Malerrolle, setzt in schnellen Aktionen einzelne Akzente. Das Fertigwerden eines Bildes kann Dörner kaum abwarten. Jeden Impuls möchte er am liebsten sofort umsetzen. Im
Umgang mit der Ölfarbe musste er sich selbst ein Minimum an Geduld beibringen, um das Trocken abzuwarten, bevor die nächste Farbbahn aufzutragen ist. Wenn er nicht das Hineinmalen in die noch feuchte Farbe gleich selbst wieder zur formalen Gestaltung nutzt. Das ist die eine, die energetisch-aktivistische Seite Dörners. Seine andere Seite liegt im Bereich rezeptiven Innehaltens, dem der Kontemplation. lm Atelier steht erhöht auf einer Lagerpalette ein alter Stuhl. Eine Art Regiestuhl, auf dem sich der Maler immer wieder niederlälšt, um zu betrachten, was er gemacht hat. Von hier aus prüft er das Gewordene, schafft sich selbst einen Standpunkt der Distanz, findet zu Momenten innerer
Sammlung, die dann in weiteren Malakten transformiert und in die Gestaltung der farbigen Materie übertragen werden. Der Künstler ist so der erste Rezipient seiner selbst, ein Selbstbetrachter, der für sich und seine visuellen, seine inneren Erlebnisse malt. Dörner gestaltet somit das Bildermalen als ein Zusammenspiel von Ausdruck und Eindruck. Als das Ergebnis eines Aktes körperlicher und seelischer Spannungen, die er bei sich freizulegen sucht, pflegt und umhegt, und die ihre Aufladungen von überall her nehmen können, von jedem noch so kleinen Erlebnis, sei es künstlerischer oder anderer Art. Die Schutz verlangen gegen jede Form der Abstumpfung. Er kultiviert damit das Reiz-
potential seiner Psyche, möchte Empfindlichkeit als einen währenden Zustand erreichen. Selbst ein Resonanzkörper zu sein, ein Relais von Kräften, das ist das Ziel. Und es ist Dörner in seiner vibrierenden Sensibilität längst zum konkreten Habitus seiner Person geworden. Das Sichtreibenlassen, die vorsätzliche Provokation des Zufalls einerseits und die umstandslose und gezielte Aktion andererseits machen in ihrem Zusammenspiel
den besonderen Charakter der Kunstwerke Dörners aus. Was damit relativ einfachen Mitteln und wenig komplizierten Verfahren in der handwerklichen Atmosphäre der Atelierwerkstatt entsteht, ist eine Bilderwelt von großer farbiger Poesie, deren Strukturen
bei aller Rauheit dem Zarten verpflichtet sind.

lm Format tendiert Dörner zur Größe. Alle ambitiöse Umständlichkeit, alles kleinteilige Gepussel ist ihm fremd. Irgendwann in den achtziger Jahren, als er mit der Malerei zu experimentieren anfing, hatten ihm die Umstände ein paar recht kleine Leinwände
in die Hände gespielt. Als einzelne Bildchen erschienen sie ihm zu mickrig und so nagelte er sie kurzerhand zusammen. Dieses Prinzip der Zusammenstellung von Bildtafeln zu einem größeren Rechteck hat er bis heute beibehalten. Die vorher einzeln bemalten Teile werden dann hin und wieder mittels einem die Binnengrenzen überschreitenden Farbstreifen zusammengefaßt. Durch Kombinationen neue Bildwirkungen zu entdecken,
bezeichnet einen konzeptionellen Kern der Malerei von Dörner. Nicht das einzelne Werk als solches, als festgelegte und statische Größe interessiert ihn, sondern das Potential an Wandlungen und Möglichkeiten, das malerischen Strukturen innewohnen kann.Er verhilft der Aussagekraft von Bildern dadurch zur Existenz, indem er ihnen Begegnungen mit verwandten Bildern verschafft.Bilder ohne TitelDie in spielerisch geprobten Zusammensetzungen veränderten Bildkontexte verändern die Bilder selbst, verändern ihre Wahrnehmung. Daß Dörner solche Zusammenstellungen nicht nur unmittelbar und direkt aneinander anschließen lässt, sondern zunehmend auch separate Tafeln als Paare, Zwillinge oder Pendants behandelt, liegt in der Konsequenz einer solchen Konzeption. Ohne Titel aber kommt eine Kunst aus, die durch das scheinbare Paradox ihrer Gegensätze sich konstituiert. Gegensätzen wie demonstrative Handwerklichkeit und höchste dekorative Finesse, gewollte Einfachheit und Suche nach subtilen Effekten, zupackender Gestus und meditative Versunkenheit. Wenn die
großen Formate und auch die Vorliebe für starke Farben wie das signalhaft leuchtende Rot ihre Suche nach starken Wirkungen bezeugen, dann schließt das andere, sperrigere Farben genauso wenig aus wie jene Wirkungen, die sich wie nebenbei und unabsichtlich in der ästhetischen Textur der Bilder ergeben. Texturen, die selbst Ausdruck jenes „Hineinsehens“ sind, von dem einst schon Leonardo angesichts eines Gemäuers
gesprochen hat, an dessen fleckiger Oberflächenbeschaffenheit sich die gesamte Imagination des Malers entzünden kann. Indem Manfred Dörner subjektiven Ausdruck als lebendigen Prozess konzipiert, der seinen Niederschlag in der farbigen Form seiner
Bilder findet, setzt er auf die Autonomie der künstlerischen Einbildungskraft, setzt er auf Bildwirkungen als offene Dialoge. Das darf man getrost als ein romantisches Unterfangen
bezeichnen. Einer Romantik von der Art, die die konsequente Abstraktion von aller Konkretheit nur mehr als das Wagnis eines Individuums möglich macht. Und die sich auf dem schmalen Pfad zwischen Geist und Dekor ihren Weg sucht. Ganz ernst, ganz
spielerisch.       Gregor Wedekind

Bilder von der Vernissage