Mit Juliane Hundertmark wird der Betrachter erfreulich heraus- gefordert und erwischt. Klischeehafte Betroffenheitsreaktionen, Anmutung von Häßlichkeiten und Irritation über verformte Gri- massen und Körper bei vermeintlichen Menschen und Tieren. Es kommt gar die Frage auf, ob diese Künstlerin überhaupt ihr Handwerk beherrscht. Alles fängt also bei der Art an, wie ich als Betrachter einer Sache auf diese zugehe. Und an dieser Stelle beginnt die schnelle Verschränkungs- und Selbstschutzreaktion auf die Bilder von Juliane Hundertmark.

Wir vermeiden den echten und wahren Blick auf das Menschsein, die Verführbarkeit, die Versklavtheit an Moden, wir verteidigen Dinge, die uns nicht gut sind, nur um aus vermeintlichen Ge- meinschaften nicht herausgedrängt zu werden. Wir schmieren uns Föten und Tierleichen ins Gesicht, vermeiden, wie so kraft- voll in „Das Fest“ von Vinterberg beschrieben, die alltäglichen Erniedrigungen, die Zerschlagung von Persönlichkeiten. Diese Malerei ist nicht ganz neu, der Blick auf die conditio humana hat schon immer bedeutet, daß es zwei Seiten des Menschseinsgibt. Die häufigste Reproduktion der dunklen Seite ist der inKirchen allgegenwärtige „Schmerzensmann“, eine gekreuzigte Männerleiche, unter der die Gemeinde um Hoffnung betet. ImColosseum gingen die Römer am Wochenende in die Arena, um der Gladiatorenzerfleischung zuzuschauen, das Volk rannte be- gierig zur Hinrichtung auf den Marktplatz oder zu den Feuernder Inquisition. Die Kinder spielen Retortenkriege im „smarten“Telefon, die individuelle Schreckenslust befriedigt der Deutsche regelmäßig mit dem Konsum des „Tatorts“.

Hundertmark inszeniert konventionelle Raumsituationen, Zim- mer, Gärten und öffentliche Treffpunkte. Diese Orte werden von uns sofort erkannt. In kleinen oder großen Lettern setzt sie fast jedem Bild einen Titel hinzu, auch den meinen wir schnell be- greifen zu, kommen aber schon in leichte Unordnung, wenn über einer Wohnzimmerszene „INSECT“ steht oder „love“. Wir erken- nen „road trip“ und „Melancholia“, müssen dann aber einräu- men, daß wir neu anfangen müssen mit der Aufnahme. Es ist eine Lust zu erleben, wie kompliziert sich die Menschen winden, wenn sie mit diesen Werken konfrontiert werden.

Dabei sind die Sujets klar, die meisten kommen nicht mit der Deutung der dann doch als homo sapiens erkennbaren Wesen zurecht, da wir uns ja zeitlebens „ästhetisch“ verwirklichen wol- len, nicht als groteske Figurette.

Juliane Hundertmark schafft sehr reif komponierte Werke von verstörender farblicher Intelligenz. Die fast linkisch anmutendeOberflächenbehandlung, das scheinbar Provisorische, die Un- gelenkheit der Protagonisten,...alles scheint einem köstlichen Bildgenuss zu widersprechen. Die Titelbegriffe tun ihr Übriges hinzu: Sigmund Freud hatte seine schelmische Freude an den Werken gehabt. Täglich, ja minütlich sind wir damit beschäftigt, unser kleines Leben zurechtzusortieren, angelehnt an zeitgenös- sische Zwänge, verdrängen wir Wahrheiten und leben zumeist „political correctness“, zu furchtsam, um die Dinge beim Namen zu nennen.

Hundertmark macht jedes kleine Leben, jedes unserer Leben zum Tatort, es sind ganz artige und aufrichtige Bilder, die sieuns gibt. Ohne der Verdrängung Raum zu geben, lässt sie Wirkli-chkeiten unseres Seins, ohne große artifizielle Inszenierung, uns entgegenfließen. Damit erreicht sie unsere Tiefenräume, ent- lastet und entspannt, denn in der Intention ihres Vorgehens liegt ein erfrischend umgesetzter Weg zur Erkenntnis. Und darin zeigt sich wahrlich Kunst.

Augustin Noffke