Zur Malerei von Horst Hagen Rath

von Dagmar Detlefsen, Kunsthistorikerin

Die Bilder machen es weder dem Betrachter noch dem Künstler leicht. Die schnelle Erkennbarkeit oder das Erfassen en passant ist nicht möglich und nicht beabsichtigt.

Der Maler verlangt von sich handwerkliche Perfektion. Er braucht und  nimmt sich Zeit, um beispielsweise den exakten Hautton wiederzugeben, den passendsten Gesichtsausdruck oder die optimale Konstellation der Figuren zueinander zu erreichen. Bereits der Entstehungsablauf ist geprägt von Sorgfalt und konzeptioneller Feinarbeit. Wir haben hier keine spontane Umsetzung von Erlebtem oder emotionale Ausbrüche vor Augen, sondern akribisch komponierte, intellektuelle Arbeiten, die auf umfassenden Denk- und Bildungsprozessen basieren.

Der Maßstab ist ausschließlich der Künstler selbst, denn das perfekte Bild befindet sich von Anfang an in seiner Vorstellung und wird eins zu eins auf die Leinwand übertragen. 

Dies geschieht in einem aufwendigen Arbeitsprozess: Nach der Skizze und dem Bearbeiten einer Collage der darzustellenden Szene, wird das Bild auf der Leinwand in mehreren Schichten aufgebaut. Horst-Hagen Rath hat eine spezielle Technik entwickelt, in der die Farben regelrecht ineinander getrieben werden. Er arbeitet ausschließlich mit dem Spachtel. Die Ölfarbe erhält so eine außerordentliche Dichte und Tiefe und erscheint besonders brillant. Das bevorzugte Motiv des Künstlers ist der menschliche Körper. Der Akt wird konsequent als Medium genutzt, um sich universell ausdrücken zu können. Immer und überall ist es jedem Betrachter, gleich welcher Herkunft und Bildung, möglich, ein Abbild des Menschen als Symbol wahrzunehmen und zu deuten. Horst-Hagen Rath erstellt dabei keine Porträts und erst recht keine Selbstbildnisse. Sein eigener Körper dient lediglich als jederzeit verfügbares Aktmodell und nimmt eine Stellvertreterposition ein. Darüber hinaus hat der Künstler eine eigene Symbolwelt aufgebaut, eine eigene Symbolsprache entwickelt. 

Bestimmte Gegenstände, Figuren oder Handlungen tauchen in den Bildern immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen auf: Die Kasperpuppe und Spielzeug etwa als Hinweis auf Kindheit, Unschuld, Unversehrtheit. Der Stahlhelm, der Fisch, die leblose Puppe sind weitere Symbole, die den Zugang zur Bildaussage ermöglichen. Auch altbekannte Sinnbilder wie Masken oder Totenschädel werden verwendet und in ihrer traditionellen Bedeutung beibehalten. 

Der Bildgrund nimmt eine untergeordnete Stellung ein, die Aufmerksamkeit wird direkt auf die Figuren gelenkt. Das Geschehen spielt sich in nicht näher definierten Innenräumen ab, was durchaus doppeldeutig zu verstehen ist. Tisch, Bett und Stuhl dienen als Requisiten für die Geschichten, die in den Bildern erzählt und wie auf einer Bühne präsentiert werden.

Einige Gegenstände existieren tatsächlich, einige sind Phantasieprodukte. Zusammen mit der realistischen Malweise wird so eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Begriff Wirklichkeit angeregt. Ein weiterer Schwerpunkt in der Malerei Horst-Hagen Raths sind die Landschaftsbilder. Karge Ackerflächen, aufgeweichte Sandwege, ödes Brachland oder Furchen in der Erdoberfläche füllen die Leinwand aus. 

Hier dominiert das Interesse an der Struktur. Die Landschaften erscheinen fast expressiv. Sie sind schneller gemalt, der Farbauftrag erfolgt dicker, in höchstens drei Schichten. Der Mensch ist nicht sichtbar, allenfalls Spuren, die er auf der Erde hinterlassen hat, können assoziiert werden. Die Atmosphäre wird bestimmt von Ruhe. Was immer in diesen Landschaften passiert ist, es ist vorbei. Horst-Hagen Rath erfüllt zweifellos die klassische Rolle des Künstlers als Sinnsucher. Er liefert spannende Interpretationen biblischer, mythologischer oder philosophischer Themen. Motivwahl und Stil können als konservativ im besten Sinne bezeichnet werden.

Die Gemälde strahlen eine außergewöhnliche Kraft aus. Selbst ein ruhender Akt demonstriert eine ungeheure Präsenz. Dem Betrachter bleibt nichts anderes übrig, als sich mit dem Bild zu beschäftigen, er möchte dem Geheimnis des Bildes auf die Spur kommen, möchte die Botschaft des Künstlers entschlüsseln. 

Er wird berührt, ob er will oder nicht. So wird er vom Künstler regelrecht herausgefordert, Fragen zu stellen und weiterzudenken, dem Mysterium des Lebens nachzuspüren.

Horst-Hagen Rath steht damit in der Tradition der realistischen Malerei des 19.Jahrhunderts. Er scheut sich nicht, Inhalte wie Glaube, Liebe, Hoffnung oder Schuld und Sühne aufzugreifen und neu zu interpretieren. Seine Bilder können als zeitübergreifend bezeichnet werden. Sie sind frei von modischer Attitüde. Der Künstler sorgt dafür, dass die großen grundlegenden Themen der Europäischen Kultur im Bewusstsein bleiben und auch für die Zukunft ihre Gültigkeit behalten. 

 

 

 

Bilder von der Vernissage