Unscharfe Bilder - Anne Herzbluth

Die rote Aufnahmetaste

Im Idealfall bringt der Betrachter der Malerei von Anne Herzbluth ein bisschen Zeit und Neugier mit. Sonst verpasst er das Beste. Sonst entgeht ihm der Weg ins Offene, den die Malerin bei jedem neuen Bild wieder eingeht. Denn Herzbluth vertraut sich dem Nicht-Wissen und der Unsicherheit an, geht Schicht für Schicht über ihre eigenen Grenzen. Offenbaren sich deshalb auch ihre Werke nicht sofort? „Walk“ zum Beispiel, sehr mysthisch, wirkt wie eine Traumsequenz, wie eine Szene tief aus dem Inneren des Erinnerns. Wer geht da und wohin? Oder dieses Bild „o.T.“, ohne Titel (S. ...), von dem man erstmal die Nebelschwaden wischen muss, um zu erkennen, dass sich dahinter Boatpeople kurz vor ihrer Rettung verbergen. Auch dieses Bild mehr die Erinnerung an ein bekanntes Bild der Medien als wirklich ein figuratives Bild.

„In meiner Arbeit geht es darum, individuelle Erinnerungen zu visualisieren. Ich möchte die rote Record/Aufnahmetaste drücken bei der Beschäftigung mit meinen Bildern.“ 

Um beim Malprozess nicht distanzlos persönlich zu werden, sind Funde wie die Boatpeople geeignet. Ein endloses Spiel. Anne Herzbluth dockt mit ihren Erfahrungen und Erinnerungen an, weil ihr Interesse geweckt ist, sie findet, formt neu, reicht weiter. Von ganz eigenwilliger Schönheit sind die Ergebnisse dieser experimentellen Dauerschleife. Zumal die Malerin ebenso eigenwillige Materialien und Farben benutzt: Zu unterschiedlichen Leinwänden und Malgründen, zur Ölfarbe und zu Kremer-Pigmenten kommt Teer („so schön störisch“), Glitzerperlen („sieht aus wie Lack“), Transparentpapier, Eisenglimmer oder ein intensives Rot, das glüht, wenn man mit dem Pinsel darüber reibt. Die Farbpalette der aktuellen Arbeiten eher im irdenen, rostroten, ockerfarbenen, „schön schwarzen“ (Bild „Die Möwe“) oder grauen Bereich. Bei einer ganzen Reihe von Bildern spielt darüber hinaus die Ästhetik der Unschärfe eine große Rolle. An der Unschärfe gefällt Anne Herzbluth das Malerische, das Zeitlose und der große Freiraum, den sie lässt. Sie könne irgendwo andocken mit ihren Gefühlen – und der Betrachter kann dies eben auch. Dabei muss man bewegungs- oder raumunscharfe Bilder in einem Rutsch malen, sonst bekommt man die Übergänge nicht mehr hin.

„Je unschärfer man malt, desto mehr muss man wissen, wie es richtig aussieht, sonst wird es falsch.“

Es geht also um die malerischer Behandlung fotografischer Vorlagen. Die Technik der Unschärfe gepaart mit reduzierter Farbpalette platziert ein Bild automatisch zwischen Vorlage und Abbild, auch die Übergänge von Figuration und Abstraktion sind fließend und zwischen der gefühlten und der stofflich-haptischen Welt eben auch. Man kommt bei dem Thema schwerlich an Gerhard Richter vorbei, der sich seit Anfang der 1960er Jahre mit der Ästhetik der Unschärfe auseinander setzt, vor allem aus Misstrauen gegen die Welt und dem Unverständnis seiner selbst. Natürlich kennt Anne Herzbluth Richters Bilder. Aber die an der Muthesius-Schule in Kiel ausgebildete Designerin und dann freie Malerin orientiert sich nicht an Vorbildern, folgt keiner Lehre, keinem Stil, ist eher von Haltung fasziniert. So gehören zu ihren Heroen Patti Smith, Louise Bourgeois oder auch Charles Bukowski, dessen großer Satz „I´m my own God“ an ihrer Atelier-Pinwand hängt.

Angela Holzhauer

Bilder von der Vernissage

Bilder von der Vernissage