von Hajo Schiff

Warum malt jemand ein großes Bild von einem Ei? 

„Ein Kunstwerk muss ein Rätsel sein“, sagt Anne Herzbluth. Sonst bestünde die Gefahr, zu langweilen – auch die Künstlerin selbst. Und die malt ihre Bilder vor allem, um ihre Erinnerungen zu bewahren, sehr private zumeist. Und doch können geeignete Bildmotive zu allgemeinen Erinnerungen werden. Das geht im Bild sogar einfacher, als bei einer immer sehr speziellen Wort-Erzählung. Anders, als bei einer sprachlichen Übersetzung, geht es bei einem Bild nicht um das möglichst genaue Bedeuten einer exakten Botschaft (das wäre Illustration), vielmehr entstehen die Bedeutungen erst später: In der Begegnung zwischen Werk und Betrachter.

Doch das ändert nichts an der Frage: Warum malt jemand altmeisterlich große Eier? Aber vielleicht sind das gar keine Eier. Sondern Studien zu menschenleeren Landschaften oder – noch abstrakter – zu verschiedenen malerischen Oberflächen. Vielleicht ist das pure Malerei, die ihr scheinbares Motiv nur nutzt, um grobe, wandähnliche Oberflächen und feinst lasierte Abstufungen in einem Bild zu kombinieren. Ginge es tatsächlich nur um die Malerei, wäre ein Ei ein klug gewählter Gegenstand: Denn ganz selbstreflexiv auf das Handwerk des Künstlers bezogen ist das Ei eines der wichtigsten Malmittel überhaupt und war jahrhundertelang in seinen beiden Bestandteilen das bevorzugte Bindemittel für Pigmente in der Wand- und Tafelmalerei.

Aber gewiss, das Ei ist nun mal da. Deutlich. In teerigem Schwarz, düsterem Braun und schillerndem Weiß. Magisch umleuchtet. Irreal großartig präsent. Rätselhaft dominant wie eine Sphinx. Wofür steht solch ein Ei in der Realität, wofür kann es ein Symbol sein – in Kunstgeschichte, Geistesgeschichte und Religion?

Das Aufditschen kann das ewig rumkullernde Ei still hinstellen, eine Intervention, die trotz ihrer relativen Brutalität immer noch als „Ei des Columbus“ gefeiert wird. Das hat auch damit zu tun, dass das Aufbrechen der Eierschale als Symbol für den Ausbruch aus einem in sich abgeschlossenen Ort in die weite Welt der Erkenntnis gilt – ganz analog zum tatsächlichen biologischen Schlüpfen des Kükens. Und praktische Erfahrung und übertragene Bedeutung zusammen werden natürlich auch im Christentum verwendet: Da gilt das Aufbrechen der Eierschale als eine zweite Geburt. Für den Gläubigen ist dieses wortwörtliche Aufbrechen ein Verweis auf die Auferstehung Christi und die durch ihn mögliche Erlösung. Selbst scheinbar profane, schlichte niederländische Küchenstilleben können hinsichtlich eines gemalten Frühstückseis mit diesem Hintergrund auch christologisch gelesen werden (oder sogar in Hinsicht auf die Transsubstantion). In der Kunstgeschichte ist das Ei nicht nur in solchen Zusammenhängen prominent vertreten: Piero della Francesca lässt in der Pala Montefeltro um 1470 von der Apsis-Kuppel über der Heiligen Mutter Maria als Symbol der Reinheit und der Erwartung ein Straußenei herabhängen, in den phantastischen Höllen-Welten des Pieter Breughel dagegen gebären Eier allerlei Seltsamkeiten.

Oft wird das Ei als Keimzelle des ganzen Kosmos betrachtet. Von Ägypten bis Asien, von Griechenland bis Polynesien gilt das Ei als mythisches Sinnbild des Werdens und der Schöpfung. Da es zudem mit Dotter und Eiweiß aus zwei klar getrennten Teilen aufgebaut ist, erscheinen symbolische duale Zuschreibungen zu Nichts und Sein oder Himmel und Erde nahezu zwingend. Und so überhöht begleitet das Ei bis heute zahlreiche Initiationen, Fruchtbarkeitsfeste und Ackerbaurituale (selbst im Wort „Feier“ scheinen Eier verborgen).

Malt da also jemand Eier, um dem Urgrund des Seins nahe zu kommen? Um ein Zeichen zu geben von dem, was da ist, bevor etwas schlüpft? Um die freudige oder dräuende Erwartung zu zeigen, die da ist, bevor etwas kommt? Um etwas zu bannen, dessen wirkliche Wirkung noch nicht zu erkennen ist? Uraltes Rätsel und Zukunftsversprechen zugleich. Die Bilder sind im Raum installiert zusammen mit noch viel mehr rätselhaften Fragen: Philosophischen Fragen, vertrackten, doch mit Kindern erprobten Fragen. „Sind Tiere gerecht?“. „Können Steine sterben?“.

Und dann ist noch jenes große, fast barocke Bild des sich aufwärts reckenden Menschenhaufens. Obwohl die Künstlerin Anne Herzbluth immer wieder betont, nicht religiös zu sein, fällt es schwer, dieses Bild – wie schon die Eier – nicht metaphysisch zu interpretieren. Denn eine Turnübung ist das nicht. Wie ein Ausschnitt aus einem noch viel größeren Kirchenfresko zeigt es ein prototypisches oder gar apokalyptisches Emporringen der Menschen zur Erlösung oder Erkenntnis. Ein Streben, dem sich vom oberen Bildrand helfende Hände entgegenstrecken. Aber die zu interpretieren, das in Worte zu fassen, muss selbst angesichts dieser kollektiven Anstrengung doch jedem ganz privat überlassen bleiben. Anne Herzbluth geht soweit, den Satz von Wittgenstein über das Schweigen wieder zu öffnen: „Das, was man nicht sagen kann, kann man manchmal zeigen.“

Bilder von der Vernisage